• Nancy Langnickel

Brandschutz für den Tempel der Bücher - die Berliner Staatsbibliothek schlägt ein neues Kapitel auf

Nach 20 Jahren Planungszeit und fast 15 Jahren Umbau erstrahlt sie wieder in ihrer vollen Pracht: Die Berliner Staatsbibliothek Unter den Linden hat eine Sanierung der Superlative hinter sich. Bei ihrer Eröffnung 1914 galt sie als die größte und technisch am besten ausgestattete Bibliothek der Welt. Voraussichtlich ab August öffnet der Büchertempel wieder für den Ausleihbetrieb. Darauf warten bereits viele Wissenschaftler, Studierende und Lesehungrige.


Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bau durch Bomben schwer beschädigt, der kuppelgekrönte Lesesaal komplett zerstört. An seiner statt entstand in den sechziger Jahren ein nüchterner Magazinturm. Die Sanierungspläne sahen unter anderem vor, den Turm abzureißen und wieder einen Lesesaal zu errichten.


Mit einer 35 Meter hohen Kuppel hat die Staatsbibliothek nun ihre ursprüngliche Silhouette wieder. Darüber hinaus wurden sämtliche Dächer, Fassaden und Innenräume saniert und, soweit möglich, ästhetisch auf den Stand der Kaiserzeit zurückgeführt. Neue Lesesaalinterieurs nach dem Entwurf von HG Merz kamen hinzu, die Magazine und vor allem Leitungen, Rohre und andere technische Infrastruktur wurden saniert.

2005: Die neu errichtete Kuppel über dem Hauptportal Unter den Linden


Neben dem „Allgemeinen Lesesaal“ wurde ein Lesesaal für wertvolle Drucke neu gebaut sowie zwei Etagen mit Tresormagazinen. Hier werden die originalen Partituren von Beethovens 9. Sinfonie, Mozarts Opern wie die "Zauberflöte" und der Großteil von Bachs Handschriften aufbewahrt. Darüber hinaus wurde eine Klimaanlage eingebaut, eine Buchtransportanlage, eine „Digitalisierungsstraße“ mit 15 Scanner-Plätzen und mehrere Restaurierungswerkstätten.


hhpblerlin begleitet das Projekt seit 1992. Die Herausforderung lag darin, einen modernen Brandschutz zu ermöglichen und zugleich die Belange des Denkmalschutzes zu respektieren.


Ganzheitlicher Brandschutz für Alt- und Neubau


In enger Zusammenarbeit mit den Architekturbüros Rüthnick und hg merz, dem Bauherrn und den zuständigen Behörden entwickelte hhpberlin ein innovatives Brandschutzkonzept und gewann dafür bereits 2004 den Deutschen Brandschutzpreis. Mit unkonventionellen brandschutztechnischen Lösungen war es gelungen, sowohl die Umsetzung des architektonischen Entwurfes als auch die Sicherheit der Besucher zu garantieren.


Ausgangsbasis - Groß in jeder Hinsicht


Die Berliner Staatsbibliothek ist die größte wissenschaftliche Universalbibliothek im deutschsprachigen Raum und eine der größten der Welt: 107 Meter breit und 170 Meter lang. Der monumentale Bau umfasst sieben Innenhöfe und birgt 107.000 Quadratmeter Bruttogrundfläche, von denen 52.000 direkt der Bibliothek dienen. 50 Kilometer lang sind allein die legendären, fest in den Bau montierten Lipmann-Regale – Stahlkonstruktionen, welche die sogenannten Büchergeschosse bilden und die zu ihrer Errichtung ein absolutes Meisterwerk waren und noch heute sind. 36 Meter hoch erhebt sich der gläserne Kubus des neuen Hauptlesesaals. In den Regalen und Archiven finden sich etwa 25 Millionen Medien und Objekte.

1914 eingeweiht, im Zentrum der Kuppellesesaal (Blick Süd-Nord)


Bestandsaufnahme 1992


Die erste Bestandsaufnahme von hhpberlin fand 1992 statt. Margot Ehrlicher und Dr. Karl-Heinz Schubert verschafften sich vor Ort einen Überblick über den ausgedehnten Gebäudekomplex.


Seit 2007 betreut Wolfram Klien federführend die weitere Planung, den Um- und Ausbau sowie den Neubau. Bei der Entwicklung des Brandschutzkonzepts wurden Alt- und Neubau zunächst unabhängig voneinander betrachtet, da für beide unterschiedliche Anforderungen galten. Bestandsgebäude, sofern sie rechtmäßig errichtet und keine baulichen Veränderungen oder Nutzungsänderungen vorgenommen wurden, stehen unter brandschutztechnischem Bestandsschutz, solange keine Gefahr für Leben oder Gesundheit von ihnen ausgeht. Dies war bei der Staatsbibliothek Unter den Linden der Fall.


Der Altbau war nicht durch Brandwände unterteilt, verfügte aber im Bereich der Magazine über abschnittsbildende Wände. Diese entsprachen nicht den heutigen Bestimmungen für Brandwände und die mit Asbest gefüllten Stahlschiebetüren waren brandschutztechnisch nicht mehr funktionsfähig.


Besondere Herausforderungen ergaben sich durch die Aufrechterhaltung des Bibliotheksbetriebes über die gesamte Bauzeit.


Altbau


Verhinderung der Brandausbreitung


Im Altbau wurde ein Teil der Wände nach heutigen Regeln auf feuerbeständige Qualität ertüchtigt. Obwohl sie im bauordnungsrechtlichen Sinne nicht die Anforderungen an Brandwände erfüllen, so wirken sie doch ausreichend einer Brandausbreitung entgegen. Die nach aktueller Berliner Bauordnung erforderlichen feuerbeständigen Tragkonstruktionen und Geschossdecken waren im Altbau nicht vorhanden.

Der neue Allgemeine Lesesaal, errichtet 2005-2012


Eine brandschutzmäßige Ertüchtigung dieser oder andere Maßnahmen zur Verhinderung des Versagens der Tragkonstruktion und der Geschossdecken waren schwer umzusetzen. Eine Sprinkleranlage hätte das wertvolle Kulturgut vernichtet. Für eine Gaslöschanlage war die Kubatur des gesamten Gebäudes zu groß und die Stahlkonstruktion der Büchergeschosse wies zu viele Öffnungen auf. In den abgeschlossenen Magazinbereichen kommt sie aber durchaus zum Einsatz.


Zur Lösung verhalf schließlich eine Computersimulation, mit der sowohl eine thermische als auch eine statische Analyse der Tragfähigkeit der verschiedenen Deckentypen durchgeführt wurden: MENZEL-Decken, ACKERMANN-Decken, KLEINSCHE Decken, Holzbalkendecken, scheitrechte Steinkappendecken und Preußische Kappendecken. Darüber hinaus wurde die Stahlträgerdecke über dem 6. Büchermagazin mit „STABA F“ berechnet. Die Bemessung des Tragwerkes des Hauptlesesaales erfolgte mit „FIRE S-T“.


Die Ergebnisse zeigten, dass neben einzelnen tragenden Bauteilen nur die Deckenebene brandschutztechnisch ertüchtigt werden muss. Sie trägt mehrere darüber liegende Magazingeschosse und ein angehängtes Geschoss. Alle anderen, nicht wesentlich veränderten Decken, konnten im Bestand verbleiben. Auch ein Brandversuch in der MFPA Leipzig zur Ermittlung des Brandverhaltens von Büchern führte zu schutzzielorientierten Entscheidungen.


So wurden

  • Treppenraumwände ertüchtigt,

  • neue Türen mit Feuerwiderstand eingebaut,

  • feuerbeständige Trennwände mit spezieller Ausbildung im Bereich der Bücherregale vorgesehen und

  • Brandschutzverglasungen in Gebäudeecken zur Verhinderung der Brandausbreitung angeordnet oder die Raumnutzungen in den Eckbereichen geändert.

Bei allen Maßnahmen wurde versucht, soweit wie möglich den Charakter des Denkmals zu beachten.


Rettungs- und Angriffswege für die Feuerwehr


Die Gestaltung der Rettungswege, und damit gleichzeitig Angriffswege für die Feuerwehr, wurde im Bestand einer kritischen Bewertung unterzogen. Interessant war dabei, dass man auch schon bei der Errichtung des Gebäudes über den Brandschutz nachgedacht hatte. So gab es an der Fassade der Büchergeschosse im Bereich der Fenster Umgänge, die über Außenleitern zu erreichen waren. Deren Holme dienten als Steigleitungen für die Löschwasserversorgung. Diese Form der Brandbekämpfung ist heute nicht mehr akzeptabel. Als Ersatz wurden die erforderlichen Anlagen zur Unterstützung der Brandbekämpfung im Inneren des Gebäudes vorgesehen.


Zur Verbesserung der Rettungswegsituation im Bestand erfolgte

  • der Schutz der Treppen durch Abschottungen,

  • die Verbesserung der Rauchableitung,

  • die Schaffung zusätzlicher notwendiger Treppen.

Diese Maßnahmen gewährleisten ein sicheres Verlassen des Gebäudes im Brandfall und ermöglichen der Feuerwehr wirksame Löschmaßnahmen.


Neubau


Der Neubau wurde gemäß derzeit geltendem Baurecht geplant. Ziel war hierbei eine flexible Raumnutzung und eine maximale Gestaltungsmöglichkeit. Daher wurden spezielle Bereiche brandschutztechnisch abgetrennt, um die Brandausbreitung zu verhindern.


Die Gestaltung von offenen Lesebereichen und die Anordnung von Sichtachsen wurde ermöglicht durch das Bestimmen von Bauteilanforderungen mit Computerprogrammen, z.B. zwischen Lesesaal und Handmagazin sowie Simulationen zur Rauchgasausbreitung.

Der Glaskubus des Allgemeinen Lesesaals


Die Rettungswege wurden gleichfalls nach dem geltenden Baurecht errichtet. Dies betrifft u.a.

  • die Anordnung außenliegender Treppenräume und notwendiger Flure

  • die Anordnung von innenliegenden Treppenräumen mit Vorräumen und Spüllüftungsanlagen

  • die Bemessung der Auslastung der Treppenräume mit Computerprogrammen zur Vermeidung von Stauungen vor den Treppen

Zur Erleichterung der Brandbekämpfung wurden in den Treppenräumen trockene Steigleitungen vorgesehen.


Alt- und Neubau


Anlagentechnischer Brandschutz


Im gesamten Gebäude sorgt eine Brandmeldeanlage der Schutzkategorie 1 für eine frühe Branderkennung und gleichzeitig für die Alarmierung der im Gebäude befindlichen Personen und der Feuerwehr. In den Magazinen, wo die besonders wertvollen Bestände lagern, wurden Gaslöschanlagen installiert, die im Falle eines Brandes den Brandherd sofort ersticken.


Durch die Komplexität des Gebäudes wurden unter anderem in Lüftungsanlagen hunderte von Brandschutzklappen vorgesehen, die durch automatische Brandmelder ausgelöst werden und sich für die Rauchableitung schließen oder öffnen können. Allein im Neubau, mit dem neuen Lesesaal, kann mit der komplexen Steuerung auf ca. 1.500 Szenarien reagiert werden (Quelle BBR).


Die Maßnahmen der Rauchableitung helfen dabei, die Rettungswege raucharm zu halten, so dass sich die Feuerwehr im Einsatzfall ausreichend orientieren kann.


Organisatorischer Brandschutz


Neben den allgemeinen Dokumenten, wie Brandschutzordnung und Flucht- und Rettungspläne wurden für dieses Bauvorhaben in Zusammenarbeit mit der Berliner Feuerwehr spezielle Feuerwehrpläne mit einer besonders prägnanten Grafik erarbeitet. So erhalten die Einsatzkräften vor Ort einen schnellen Überblick über die gelagerten Kulturgüter, welche gemäß ihrer kulturhistorischen Bedeutung in drei Kategorien eingeteilt wurden. Außerdem enthalten die Pläne die Besonderheiten der historischen Baukonstruktion, wie die aus Stahl bestehenden Büchergeschosse.


Fazit


Für uns Brandschutzplaner war die Arbeit für dieses Gebäude eine echte Herausforderung. Gleichzeitig ist das Konzept ein Beispiel dafür, dass mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln der Brandschutz-Ingenieurmethoden, mit umfangreicher Erfahrung im vorbeugenden und abwehrenden Brandschutz und mit neuen Ideen bei der Brandschutzdokumentation gute Lösungen gefunden werden können, die sowohl die Belange des Denkmalschutzes respektieren als auch einen modernen Brandschutz ermöglichen.

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