• Nancy Langnickel

Planung, Bau und Brandschutz in Rekordzeit: Das Berliner Corona-Behandlungszentrum ist eröffnet

Aktualisiert: Juni 8

Das Berliner Corona-Behandlungszentrum auf dem Messegelände ist offiziell eröffnetnach nur fünf Wochen Bauzeit. Tag und Nacht wurde in Halle 26 in der Jafféstraße gearbeitet, auch über die Feiertage. Das Behandlungszentrum ist als Reservekrankenhaus mit 488 Betten ausgestattet und soll erst zum Einsatz kommen, wenn alle anderen Krankenhäuser mit Covid-Stationen in der Hauptstadt ausgelastet sind.


Dass es so schnell ging, lag laut Projektleiter Albrecht Broemme vor allem an der guten Zusammenarbeit. “Bezirk und Senat, alle Verwaltungsebenen arbeiteten Hand in Hand, wie ich es selten erlebt habe. Die Baugenehmigung hat zehn Minuten gedauert”, so Broemme in einem Interview mit dem SPIEGEL.


Auch die Brandschutzplanung musste schnell über die Bühne gehen. “Wir hatten sieben Wochen Zeit, um das Konzept zu erstellen, eine Räumungs- und Rauchgassimulation sowie Rauchgasversuche vor Ort durchzuführen und den organisatorischen Brandschutz zu planen”, so Heike Kresse, Sachverständige bei hhpberlin.


Brandschutzkonzept in sieben Wochen


Das Behandlungszentrum wurde aus Sicherheitsgründen räumlich vom restlichen Messegelände abgetrennt. In drei Brandabschnitten befinden sich in Summe 488 Betten, davon 111 Beatmungsplätze. Es wurden sogenannte Cluster gebildet: Abteile von jeweils 24 Patientenbetten in der Allgemeinpflege und 16 Patientenbetten im Beatmungsbereich, die durch Pflegekräfte dauerhaft besetzt sind.

Darüber hinaus wurde auf der Freifläche vor der Messehalle 26 ein dreigeschossiger Container-Modulbau errichtet, um die Logistik, die Ver- und Entsorgung sowie die Sozialbereiche für das Personal unterzubringen. Der Modulbau wurde über drei Brücken an die drei Brandabschnitte der Halle 26 angebunden. Dabei wurde durch bauliche Maßnahmen sichergestellt, dass der Modulbau sowie die drei Hallenabschnitte jeweils separate Brandabschnitte bilden. Der Modulbau selbst wurde als Gebäude in feuerhemmender Bauart errichtet.

Da in der Kürze der Zeit bauliche Maßnahmen an der Bestandshalle nicht zu realisieren gewesen wären, stützt sich das Brandschutzkonzept überwiegend auf anlagentechnische und organisatorische/personelle Brandschutzmaßnahmen. Die oberste Priorität liegt dabei auf

  • der Verhinderung der Brandentstehung,

  • der frühzeitigen Branderkennung und Brandmeldung sowie der

  • umgehenden Bekämpfung von Entstehungsbränden zur Verhinderung der Brandausbreitung.

Sämtliche Container, die zu Lager-, Ver- und Entsorgungszwecken in die Halle gestellt wurden, sind in feuerhemmender Bauart errichtet. Die Leitungsanlagen (medizinische Gase und Elektro) wurden offen auf Traversen verlegt, so dass eine mögliche Brandentstehung schnell optisch wahrgenommen werden kann.


Keine Gefährdung durch absinkende Rauchschichten


Das bestehende Entrauchungskonzept für die Halle 26 im regulären Messe-/Veranstaltungsbetrieb sah eine Rauchableitung über natürliche Rauchabzüge in der Dachfläche sowie eine Zuluftbereitstellung über die Türen vor, ohne hier weitere Anforderungen hinsichtlich der Volumenströme, der raucharmen Schichten o. ä. zu stellen.

Mit Rauchgas- und Räumungssimulationen konnte unser Team nachweisen, dass Patienten innerhalb der ermittelten Räumungszeiten nicht durch eine absinkende Rauchschicht gefährdet werden. Darüber hinaus wurden mit der Räumungssimulation verschiedene Abfolgen der Bettenräumung und des damit verbundenen Personaleinsatzes untersucht. 


Mit vor Ort durchgeführten Warmrauchversuchen wurden in der Halle sechs Szenarien untersucht und dabei auch unterschiedliche Betriebsmodi der zur Entrauchung genutzten Lüftungsanlage getestet. Die Versuche wurden mit einem für diese Anwendung entwickelten Brennstoff in Abbrandwannen am Boden ausgeführt. 

Sie bestätigten die Ergebnisse der Simulation. Es stellte sich eine saubere Rauchschichtung in der Halle ein. Der Rauch konnte wirksam durch die Lüftungsanlage abgesaugt werden, so dass die Höhe der raucharmen Schicht konstant blieb.


Organisatorischer Brandschutz


Aufgrund der hohen Belegungszahlen und des hohen zu erwartenden Zeitbedarfs für die Verlegung der zum Teil beatmeten Patienten, war den Projektbeteiligten schnell klar, dass eine Vollräumung der Halle 26 unter allen Umständen zu vermeiden ist. Der organisatorische Brandschutz fokussierte sich daher auf eine schnelle Brandmeldung sowie auf die unverzügliche Einleitung einer Entstehungsbrandbekämpfung.


Für die schnelle Brandmeldung wurden an den Zugängen der Cluster Notruftaster angebracht. Sie basieren auf einem funkgesteuertem Schwesternrufsystem. Wird ein solcher Taster im Ernstfall betätigt, werden alle im Bereich der Halle 26 tätigen Pflegekräfte sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ärztlichen Dienstes und des Brandsicherheitswachdienstes benachrichtigt, um den Brandnahbereich umgehend für eine Brandbekämpfung freizumachen. Der Alarm erfolgt akustisch, über Vibration und mit Klartextangabe. Zusätzlich erfolgt die Brandmeldung an die Berliner Feuerwehr sowie die Betriebsfeuerwehr der Messe über die im Bestand vorhandenen manuellen Brandmelder (Handfeuermelder).


Um eine schnelle Entstehungsbrandbekämpfung einleiten zu können, wurde eine Vielzahl von Feuerlöschern bereitgestellt. Ergänzend dazu sind in unmittelbarer Nähe der einzelnen Patientenbetten Löschsprays angebracht, die durch das anwesende Personal im Brandfall zum Einsatz gebracht können. Sollte es dennoch erforderlich sein, einen Brandabschnitt komplett zu räumen, kommt ein ausgefeiltes Räumungskonzept zum Tragen, das in enger Zusammenarbeit mit allen Projektbeteiligten aufgestellt wurde. Hierbei erweist sich die Größe und die Höhe der Halle sowie die in der Simulation und im Rauchversuch nachgewiesene Ausbildung einer stabilen raucharmen Schicht von Vorteil, die ein ausreichendes Zeitfenster für die Räumung ermöglicht.


Die Betten bleiben vorerst leer


“Dass wir das Konzept in einer solchen Rekordzeit umsetzen konnten, lag vor allem daran, dass wir alle an einem Strang gezogen haben und das Team so gut zusammengearbeitet hat. Unter allen Planern gab es einen sehr produktiven und ergebnisorientierten Austausch”, so Heike Kresse.


Ob und in welchem Umfang das Behandlungszentrum zum Einsatz kommen wird, ist unklar. Die schweren Covid-19-Fälle werden auch weiterhin in den Berliner Kliniken behandelt, in den Betten der Jafféstraße sollen nur leicht bis mittelschwer erkrankte Patienten versorgt werden. Broemme wäre allerdings, so sagt er "richtig glücklich, wenn sie dann nicht gebraucht würden.”

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